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Extrem – Extremer – Zugpitz Ultratrail

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Mittlerweile bin ich ja in meinem fortgeschrittenen Alter zu einem gestandenen Ultraläufer geworden. Mehr als 50 km zu laufen ist ja das eine, steigern lässt sich das Ganze aber auch noch im Trailrunning-Bereich und nennt sich dann zurecht „Ultratrail“. Hier gibt es sogar eine Deutsche Meisterschaft vom DUV, bei der ich unlängst Silber in meiner Altersklasse beim Bilstein Utramarathon gewonnen hatte. Die Veranstaltung über 65 km und 1800 Höhenmeter sollte allerdings nur eine Durchgangsstation zum Jahreshöhepunkt sein, dem ZUT (Zugspitz Ultratrail).

Bei diesem Event werden mehrere Streckenlängen angeboten von knapp 26 km, über 40 km, 60 km, 82 km und die Hauptstrecke (auch die teilnehmerstärkste) mit fast 102 km und fast 6000 Höhenmetern. Alle Strecken starten an unterschiedlichen Orten, überwinden aber zumindest den Osterfelderkopf (2050 m) unterhalb der Alpspitze. Die gesamte Runde wurde im Vergleich zu den Vorjahren nochmals um 1-2 km verlängert und mit zusätzlichen Höhenmetern gespickt, da Abweichungen aufgrund von Streckensperrungen nötig wurden. Dazu gleich mehr.

Ich hatte mir also nach dem verkürzten 70 km Lauf vom letzten Jahr bei Schnee und Regen nun vorgenommen, die gesamte Runde zu versuchen. Dafür war ich auch ein verlängertes Wochenende in den Alpen trainieren, denn das auf und ab zu testen ist wichtiger als die Länge der Einheiten. Wie alle anderen Teilnehmer hoffte ich dieses Jahr auf nicht wieder so unterirdisches Wetter. Zwar hielt wieder die Schafskälte in reduzierter Form Mitte Juni Einzug, doch waren die Temperaturen zwischen 10 und 17 Grad im Tal ok und es sollte auch bis in den Abend überwiegend trocken bleiben. Das Terrain war jedoch aufgrund des anhaltenden schlechten Wetters im Frühjahr und der verspäteten Schneeschmelze noch sehr anspruchsvoll und matschig. So sollte knapp ein Drittel der gestarteten Ultraläufer den Lauf unterwegs aufgeben bzw. aus dem Zeitlimit von 26 h fallen.

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Morgens um 7:15 Uhr stand ich also in Grainau mit einem Kollegen zusammen etwa in der Mitte des Starterfeldes und es ging los. Wellig auf Seitenwegen zum Eingang der Höllentalklamm bei KM 2 und dann erst leicht, kurz später schon steiler bergan. Hier gingen wir schon überwiegend mit Stockeinsatz und ich setzte mich etwas von meinem Laufkollegen ab. Dann folgten einige wellige KM über den Höhenweg Richtung Eibsee, diesen Abschnitt kannte ich noch vom Wandern. VP1 kam mir noch zu früh und ich ließ ihn rechts liegen und schon ging es schlammig und steil bergan. Richtung Hochthörle stieg die Strecke bald über eine ehemalige Skipiste von 1000 m auf 1600 m an, wir passierten die Grenze nach Österreich.

Hier war die Strecke schon viel anspruchsvoller als erwartet. Immer wieder Skihänge oder knackige Trails gefolgt von entsprechenden Bergabpassagen bis hin zur Ehrwalder Alm bei KM 25. Hier hatten wir schon 1850 Höhenmeter absolviert. An der Ehrwalder Alm erwartete mich meine Familie und ich begrüßte Frau und Kinder mit Bussi (dafür ist bei so einem Lauf ausreichend Zeit) und verabschiedete mich sogleich auch wieder bis zum nächsten Tag, denn ich würde erst nachts ins Ziel einlaufen, wenn ich es denn schaffe.

Nun kam wieder etwas Neues, die Umleitung, wieder mal die Skipiste hoch, zu den Issentalköpfen. Dort waren wir auf >1800 m Höhe und sollten diese Höhe nun über viele KM nicht mehr unterschreiten. Durch die Höhe, das hochalpine Gelände und teilweise Schneefelder war die Strecke hier sehr anspruchsvoll. Über das Feldernjoch (erstmals über 2000 m) ging es zum höchsten Punkt der Strecke bei 2150 m. Irgendwann kam dann endlich der Downhill zur Rotmoosalm. Hier konnte ich es trotz 40 km in den Beinen gut laufen lassen und fühlte mich auch noch entsprechend gut.

Nach einer Talsohle auf 1200 m mussten wir allerdings über das Scharnitzjoch noch einmal den Gebirgskamm überqueren. So ging es über Wald, dann matschige Wiesen, wieder ins karstige Hochgebirge und bei kühlem Nebel und teils leichtem Tröpfeln passierten wir noch einmal die 2050 m Marke. Was nun kam, war ein absolutes Highlight: Auf der Nordseite liegt in den meisten Jahren um diese Zeit noch ein ausgedehntes Schneefeld, so auch dieses Jahr. Hier mussten wir im Downhill runter. Als Hilfe war ein 300 m langes Seil von der Bergwacht gespannt. Ich, wie die meisten anderen auch, versuchte es hier mit Skifahren auf Laufschuhen. Dabei stürzte ich zwar auch, außer eiskalten Fingern aber ohne Folgen. Allein für dieses Erlebnis hatte sich ein solcher Trailrun schon gelohnt.

Hier waren auch die ersten Passagen, die ich noch aus dem letzten Jahr kannte. Damals wurde die Strecke verlegt und wir mussten „nur“ über das Scharnitzjoch, allerdings ohne Schneefeld, dafür mit matschigem Neuschnee. Das Wasser lief damals in Sturzbächen die Steige hinunter, das war dieses Jahr angenehmer. Über Wiesen und einen langen Steig ging es runter bis auf 1000 m und im Tal erreichten wir bei KM 55 den Hubertushof, ein wichtiger Streckenpunkt. Zum Einen ist hier Medizincheck und die Möglichkeit über einen deponierten Drop-Bag Klamotten zu wechseln (ich hatte keinen deponiert). Zum Anderen folgt nun nach dem hochalpinen ein ruhigerer Abschnitt.

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Mir ging es immer noch gut und ich lief erstmal im 5:10er Schnitt die nächsten flachen Kilometer. Ab KM 60 setzten allerdings Magenprobleme ein, die zu einer richtigen Krise führen sollten. Mir lag alles schwer im Magen, ich konnte nichts mehr verwerten, und somit schwand nach und nach die Energie. Das änderte sich auch nicht nach dem nächsten Verpflegungspunkt und so schleppte ich mich, wieder auf deutscher Seite, zum Ferchensee. Bei diesem VP holte mich mein Kollege wieder ein, der auch letztes Jahr deutlich vor mir im Ziel war. Er motivierte mich und gemeinsam begaben wir uns auf die nächsten Kilometer, einen neuen Abschnitt. Es ging nun etwas besser.

Wir durchliefen Schloss Elmau und es ging hinauf Richtung Eckbauer. Am Anstieg konnte ich den anderen nicht mehr folgen und der Magen drückte wieder und ließ die Höhenmeter zur Qual werden. Die Strecke stieg zwar um nur 300 Höhenmeter an doch oben begann das Kopfkino: Noch über 25 km und dabei noch der >1000 Höhenmeter Anstieg zur Alpspitze. Das würde ich im aktuellen Zustand nicht schaffen. Aussteigen? Eine Option. Aber hier war kein VP zum Abmelden. Da, eine Bank. Gefühlte 15 Minuten Pause, ganz in Ruhe getrunken. Ok, bis zum nächsten VP an der Partnachalm schleppe ich mich noch. Wieder antraben bzw. gehen. Eigentlich eine herrliche Ecke hier. Blick zurück und Aussicht auf das Schloss, dabei ein paar letzte Sonnenstrahlen. Weit und breit kein Läufer. Was mache ich hier?

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Dann kam die Wende. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam dann doch noch mal einer und sprach mich auf die tolle Aussicht an. Ich: „Kann ich nur leider nicht genießen. Mir geht es zu schlecht. Der Magen!“ Dann seine entscheidende Antwort: „Ach was! Du ziehst das jetzt durch! Denke immer, der Schmerz ist nur temporär! Der Stolz, der vergeht nie!“ Wo er recht hatte, hatte er recht. Aussteigen kann ich doch immer. Also Kilometer für Kilometer denken. Und nun ging es auch erstmal bergab und das ging immer noch ganz gut. Also lief ich wieder richtig runter bis auf 850 m zur Partnach, über die Klamm, eigentlich wieder ein unglaublich schöner Abschnitt. Da zahlen andere Geld für. Nun noch 1 km und 150 Höhenmeter bis zur Partnachalm, VP8, und selbst bergauf ging es wieder einigermaßen.

An der Verpflegungsstelle – hier gab es leider keine Cola mehr – nahm ich nur Brühe und Obst, nix mehr von dem süßen Energy-Zeug. Mein Magen schien es zu mögen. Nur noch etwas über 20 km (allerdings 1300 Höhenmeter). Es ging wieder, die Zuversicht stieg. Allerdings fluchte ich auf den nächsten 5 km, dass es immer wieder leicht bergab ging – das muss ich doch alles wieder hoch. Ich war doch schon bei 1000 m, was soll ich nun wieder bei 900 m? Vielleicht hätte ich den Höhenmesser an meiner Uhr vorher besser nicht aktiviert.

Endlich begann der steile Steig hoch zum Kreuzeck. Sehr trailig, umgestürzte Bäume mussten über- oder unterquert werden, und es regnete mittlerweile. Dazu wurde es dunkel, es war 21:30 Uhr. Unfassbar, wie schnell an so einem Tag bei so einem lauf die Zeit vergeht. Die schnellsten waren längst unter der warmen Dusche. Aber ich hatte noch einen Berg zu bezwingen. Es gab nun nur noch eine Verpflegungsstelle an der Talstation Lengenfelderalm, die es aber zweimal zu passieren galt, im Anstieg und im Abstieg. Gefroren hatte ich noch nicht, aber das kam nun.

14 km vor dem Ziel war ich an der Station auf 1600 m. Ich brauchte Energie, verpflegte mich entsprechend, es goss in Strömen und war vielleicht noch 9-10 Grad. Lange Sachen an und Regenjacke, gar nicht so einfach bei dem Wetter und in dem Zustand. Aber ging unter dem Zeltdach. Kopflampe auf. Naja, war schon mal heller. Kurz vor das warme Gebläse, wo aber schon drei davorstanden und -saßen und nicht mehr viel warme Luft durchkam. Ich muss mich wieder bewegen, trotz des miesen Wetters. Auf geht´s.

Nach 500 Metern sah ich nicht mehr ob meine Kopflampe an oder aus war. Batterien leer. Schöner Mist. Ich Dussel, hätte ich auch gleich neue Batterien reintun können. Aber Ersatzbatterien hatte ich mit, war ja Pflichtgepäck. Was nun? Zurück? Mich an andere Läufer mit Licht hängen? Da war grad keiner. Und hier mit klammen Fingern ohne Licht Batterien wechseln – unmöglich!! Aber da oben war Licht, eine Station der Bergwacht auf 1800 m. Ich kannte die Stelle vom Wandern. Also weiter. So machte ich den kleinen Abstecher in die mollig warme beheizte Hütte, bat kurz um Asyl, wechselte die Batterien, sah einen verschossenen Freistoß von Ronaldo gegen Österreich, und weg war ich auch wieder. Man war das plötzlich hell! So konnte es weitergehen.

Bei 2050 m hatte ich es geschafft, der Osterfelderkopf, nun (fast) nur noch bergab. Aber der nächste Teil (3 km) am Hang oberhalb des Höllentals sollte anspruchsvoll sein und war vor 3 Wochen noch unpassierbar. Die ersten beiden Kurven und dann kam der geniale Blick ins Tal auf das beleuchtete Grainau. Da muss ich „nur noch“ hin. Noch 9 km, 93 km in den Beinen. Allerdings: Ich auf 2000 m, Ziel auf 750. Das heißt was. Hochkonzentriert ging es weiter. Niemand überholte mich mehr, aber ich sammelte einige ein. Steine, Regen, Pfützen, Schneefelder, gar noch ein bissiger kurzer Anstieg. Das Smartphone brummte. Abpfiff bei Österreich gegen Portugal, 0:0. Kurz vor 23 Uhr also. Schaffe ich nicht bis Mitternacht, dazu ist der Abstieg zu technisch. Andererseits kenne ich die letzten 6 km gut.

Nun wusste ich, dass mich nur noch ein Sturz vom Finish abhalten konnte. Der Energielevel war wieder super, die Beine ebenfalls. Eigentlich unglaublich nach 96 km. An der Lengenfelder Alm bei VP10 gab es daher nur kurz 2 Becher Cola und dann den Jägersteig runter. Hier lief ich so schnell es ging, ohne im Dunkeln bei 30% Gefälle einen Sturz zu riskieren. Mehr als 10 Läufer holte ich noch, teils Supertrail XL Läufer, teils Ultratrailer. Bei fast KM 100 war ich unten, noch 1,8 km ins Ziel, eben, leicht abfallend, Straßen. Und nun die Uhr: 23:49 Uhr. 10 Minuten um „Same-Day-Finisher“ zu werden. Und ab die Post. Es wurden gar nur 8 Minuten.

Sehr schön bei diesem Lauf. Der Veranstalter platziert 200 m vor dem Ziel eine Messmatte, welche dem Moderator jeden einlaufenden Sportler mit Platzierung anzeigt. So wirst Du entsprechend im Zielkanal angekündigt. Nach 16 Stunden, 40 Minuten und 36 Sekunden hatte ich es geschafft. Ich war ZUT Finisher, hatte nebenbei meinen ersten 100er absolviert. Mein Laufkollege war schon 45 Minuten im Ziel und erwartete mich mit seiner Familie. Bei einem ersten Hellen, Hotdog und Schupfnudeln (das war tatsächlich die Nachzielverpflegung) wurde gefeiert. Auch Matthias Leffers von der LLG Nordpark kam weniger als eine Stunde nach mir ins Ziel. Um 2 Uhr war ich dann im Bett. Die letzten Läufer kamen am nächsten Morgen noch ins Ziel, als ich schon wieder mit Familie Richtung Rheinland fuhr.

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Es war hart, aber auch ein unglaubliches Erlebnis, das gelaufen und geschafft zu haben. War wohl der bisher härteste ZUT, von 5990 Höhenmetern wurde gesprochen. Meine Uhr hatte 5870 – und 108,63 km – die aber wohl nicht ganz stimmen können. Lang genug war es auf jeden Fall. Trotzdem hat es alles in allem viel Spaß gemacht. Und ich werde es wieder tun. Der Eiger Ultratrail steht nun ganz oben auf meiner Wunschliste. Vielleicht kann ich ja mal weitere Laufmonster motivieren, es gibt schließlich neben dem Hauptlauf immer auch „Volks-, Kinder- und Bambiniläufe“…

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Kommentar von Harald
Datum: 27. Juni 2016 - 17:36 Uhr

Hallo Manu,

unglaublicher Lauf oder wie auch immer man diese schöne Tortour bezeichnen möchte. Dein beeindruckender Bericht liest sich wie eine Abenteurergeschichte. Selbst Ronaldo war dabei. Nicht dass nach den Ultratrails noch die Polarwanderungen kommen!
Wahnsinnige Leistung und immer noch tolle Zeit trotz der Magenprobleme und der damit verbundenen längeren Pausen! Das traue ich mir als Deichmonster ja nicht (noch) zu. Bei Dir aber scheint ja der nächste Berg bereits zu rufen. Gute Erholung noch weiter und bis die Tage!

Kommentar von Daniel
Datum: 28. Juni 2016 - 09:49 Uhr

Hey Manuel,
war ja klar , dass du direkt das nächste Highlight ins Visier nimmst. Der Eiger ruft also. Habs mir angeguckt. Die beiden Kinderläufe haben beide ihren Reiz (35/51k). Aber auch die schweizer Schnäppchen-Preise….

Kommentar von Manfred
Datum: 29. Juni 2016 - 10:12 Uhr

Hallo Manuel, ein ganz toller Bericht, bei dem man beim Lesen mit Dir leiden kann, super Leistung, jetzt erhol Dich gut. Bis Dienstag
Lg.Manfred

Kommentar von Sabine
Datum: 30. Juni 2016 - 12:02 Uhr

Hallo Manuel,
toller Bericht und sagenhafte Leistung, sich so durchzukämpfen. Da ich einige Abschnitte vom Wandern kenne, denke ich um so mehr, was das für eine Leistung ist, gleich mehrere „Wanderungen“ pro Tag im Laufschritt zu absolvieren. Respekt! Und obendrein scheint es Suchtcharakter zu haben.
Gute Erholung und LG
Sabine

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