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Sturmzerzaust: Der 1. Föhr-Marathon am 1. April 2012

200905040114.jpgDer Wyker Turnerbund, der bisher den im Norden recht bekannten Wyker Stadtlauf ausrichtete, veranstaltete jetzt erstmals einen Marathon auf der nordfriesischen Insel. Die zunächst per Internet angebotenen 250 Startplätze für „Deutschlands nördlichsten Marathon“ waren innerhalb weniger Tage ausgebucht. Später erhöhte man die maximale Teilnehmerzahl auf 300, dennoch war sogar die Warteliste so voll, dass auch diese geschlossen werden musste.

201203311138.jpgLeider waren auch die Fähren ab Dagebüll am Vortag des 1. April bis auf eine extrem frühe schnell ausgebucht, so dass ich froh war, gerade noch einen Platz auf der zusätzlich angebotenen 21 Uhr-Fähre zu erwischen. So musste ich nicht nur auf das Abendessen in der Jugendherberge, sondern auch auf die vom Veranstalter angebotene Pastaparty am Vorabend (10 ) verzichten. Allerdings gab es auch am nächsten Morgen noch eine Sonderfähre um 6.30 Uhr ab Dagebüll einschließlich eines kostenlosen Busshuttles vom Fähranleger in Wyk zum Startbereich in Midlum.

201204030913.jpgZum Glück bot die Jugendherberge für uns Läufer am nächsten (Sonntag-)Morgen schon ab 7 Uhr Frühstück an, so dass wir nach kurzer Autofahrt pünktlich in Midlum in der Inselmitte eintrafen. Eine Bitte an die Veranstalter: Hinweisschilder für Nicht-Ortsansässige wären hilfreich gewesen. In der dortigen Grundschule war alles perfekt organisiert: Startnummernausgabe mit personalisierter Startnummer, Toiletten, Duschen, Massagebänke etc., nur das „Angeber-T-Shirt“ mit der Aufschrift „1. Föhr-Marathon 1. April 2012 kein Aprilscherz!“ war leider bereits vergriffen. Die Zeitmessung erfolgte ohne Zwischenmessung über Einmal-Transponder.

Pünktlich um 9 Uhr wurden wir mit einem lang gezogenen „Trööt“ aus einer Museums-Nebeltröte auf die Strecke geschickt. Marathonläufer liefen gemeinsam mit den Halbmarathonläufern aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Polen, Schweden, Finnland und Japan. Leider gab es viele kurzfristige Absagen. Die Wettervorhersage sprach von 6 bis 8, Regen, Graupel sowie starkem Nordwestwind. Einen Vorgeschmack, von dem, was mich erwartete, hatte ich bereits am Vortag bei der stürmischen Überfahrt erhalten. Nun, am Start waren es zwar nur 4, aber auf den ersten Kilometern, die uns nach Südwesten bis Wrixum führten, war der Wind zunächst erträglich. Das sollte sich noch gewaltig ändern!

201204030559.jpgWir bogen nach Süden ab und durchquerten ein kleines angenehm windgeschütztes Waldgebiet, bevor wir Wyk erreichten und bei km 5 erstmals das Meer erblickten. Was nun folgte, war in jeder Hinsicht der schönste Streckenabschnitt: Über die Strandpromenade von Wyk liefen wir der Sonne entgegen; der Blick schweifte über den Strand mit seinen Strandkörben und weiter übers glitzernde Meer, wo draußen die Halligen und in der Ferne die Windräder vom Festland zu erkennen waren. Das Thermometer zeigte zwar nur 6 an, aber in der Sonne wurde es mollig warm. Wir passierten den Leuchtturm Ölhorn und etwas später die Wyker Haupteinkaufsstraßen Sandwall und Königsstraße mit ihren netten Geschäften, wo uns Touristen und Einheimische gleichermaßen anfeuerten.

201204030624.jpgHinter dem Hafengelände wurde es ruhiger. Der Außendeich im Osten wartete auf uns. Zum Glück standen die Türen, die sonst wegen der Schafe stets hinter einem zufallen, für uns offen. Lilafarbene Pfeile am Boden wiesen den Weg; zusätzlich gab es mitunter Absperrbänder. An zahlreichen Einmündungs- oder Kreuzungspunkten waren Streckenposten positioniert. Jeder Kilometer war auf liebevoll handgemalten Schildern, die im Boden steckten, markiert. Kurz hinter km 11 machte unsere Uferstraße einen scharfen Linksbogen, und unvermittelt traf uns der starke Wind mit voller Kraft. Jetzt liefen nicht nur meine Beine, sondern auch die Nase unentwegt. Ein junges Mädchen namens Beth brachte mir auf meine Bitte hin sogar ein frisches Tempotaschentuch laufend hinterher.

201204030623.jpgBis km 15 war Kämpfen angesagt, dann war der nördlichste Punkt der Strecke erreicht, und wir durften am Windpark (nomen est omen!) links abbiegen. Ein kurzer steiler Anstieg auf den Oberdeich, dann ging es ins Landesinnere. Das machte die Sache aber nicht besser, denn auf den freien Feldern konnte der stark auffrischende Wind ungehindert angreifen. Inzwischen hatte sich der Himmel zugezogen, und es fing an zu nieseln. Dazu kam der völlige Mangel an Abwechslung: Keine Zuschauer nirgends, noch nicht einmal Kühe! Die Insel wird nicht umsonst „die grüne“ genannt. Auch der Motorradfahrer, der als Begleitpersonal eingesetzt war, knatterte schnell vorbei. So sehnte ich mich jedes Mal inständig nach der nächsten von insgesamt 10 Verpflegungsstellen, die ca. alle 5 km eingerichtet worden waren. Wasser, Tee (mitunter sogar angewärmt), Bananen- und Apfelstückchen, später auch noch Cola und jeweils freundliche Wortwechsel das gab Kraft für die nächsten Kilometer. Leider gab es keine isotonischen Getränke, so dass ich meine Privatflasche mit diesem erlaubten Doping über die Strecke mitschleppen musste.

Hinter km 20 kam endlich eine Atempause im Kampf mit dem zermürbenden Wind, als wir wieder in Midlum einliefen und der erste Kreis der „liegenden Acht“ geschafft war. An der Schule liefen 145 Halbmarathonläufer ins Ziel ein, auch einige Marathonläufer nutzten die vom Veranstalter angebotene Möglichkeit, sich als Halbmarathon-Finisher registrieren zu lassen und brachen hier ab.

201204030914.jpgWir liefen weiter aus dem Ort wieder heraus, und erneut ging es auf einer langen Geraden übers freie Feld nach Nordwesten. Bei km 22 passierte es dann: Der einsetzende starke und eiskalte Regen entwickelte sich zu einem Graupelschauer, dem wir schutzlos ausgeliefert waren. Nur noch schemenhaft erkannte ich den Läufer etwa 30 Meter vor mir im Grauschleier. Meine dreilagige Oberbekleidung (Funktions-Shirt, Softshell-Jacke, dünner ärmelloser Windbreaker), unter der ich in der Sonne so geschwitzt hatte, bewährte sich jetzt; aber die Schuhe waren den feuchten Elementen nicht gewachsen, und meine Füße wurden schnell nass. Ich zog meinen Buff über Kopf und Ohren, setzte die Kappe wieder auf und kämpfte weiter. Genauso schnell, wie er gekommen war, verzog sich der Graupelschauer wieder. Weiter ging es über die Felder, jetzt nach Südwesten immer dem starken und böigem Seitenwind ausgesetzt. An der Verpflegungsstelle zog sich eine Helferin eine weitere lange Hose über, ein Streckenposten hatte sich sogar in sein Auto zurückgezogen so grausam war die gefühlte Kälte!

Kurz vor Borgsum bogen wir wieder nach Nordwesten ab, bis wir am Ortsanfang von Süderende km 30 und damit den äußersten westlichen Zipfel der Strecke erreichten. Als wir jetzt nach Süden abbogen, kam der eiskalte Wind direkt von vorne. Ich lief wie gegen eine Mauer. Ab Witsum ging es endlich mit leichtem Rückenwind nach Osten über schmale kurvenreiche Feldwege sanft bergab, und ich konnte „eine Schüppe drauf legen“. Vorbei an der Godel, dem einzigen „Fluss“ auf Föhr, führte die Strecke nach Goting mit der 35-km-Marke. Als wir anschließend nach Norden abbogen, war die Ruhepause vorbei, und der Wind griff wieder an. Aber wie heißt es so schön: „Jetzt umkehren wäre blöd.“ Kurz vor Borgsum ging es rechts, dann links, dann wieder rechts nach Alkersum und schließlich kam das Ortsschild von Midlum in Sicht. Noch einmal alle Kräfte mobilisierend lief ich nach offiziell vermessenen 42,2 km ins Ziel und freute mich riesig über meine Zeit von 4:27:58,4 h, die ich in Anbetracht der Witterungsverhältnisse nicht im entferntesten erwartet hatte.

Kinder hängten mir die in Form der Insel gebildete schöne blanke Finisher-Medaille um, ich dehnte und stärkte mich kurz am Verpflegungsstand, wo Wasser, warmer (!) Tee, Cola, Bananen und Müesliriegel bereitstanden. In Anbetracht der Kälte flüchtete ich schnell in die warme Sporthalle. Dort konnte ich meinen Läuferbeutel holen und mich in die Schlange zur Massage einreihen, bevor ich die im gleichen Gebäude untergebrachten Duschen aufsuchte. Eine reich bestückte Kuchentheke sowie ein Imbiss- und Getränkestand befand sich im Zelt auf dem Außengelände.

Das beherrschende Thema war natürlich das Wetter, aber die übrigens überwiegend weiblichen – Organisatoren meinten nur leicht grinsend: „Die Läufer sollen schließlich begreifen, was es bedeutet, einen Insellauf zu absolvieren.“ Bei der zügig durchgeführten Siegerehrung erhielten die jeweils ersten drei Frauen und Männer der Gesamtwertung einen Pokal. Es siegten Sonia Schmidt in 3:29:33 h und Jens Hollmann in 2:45:05 h. Insgesamt finishten 125 Marathonläufer, davon 22 Frauen.

201204030616.jpgWer dies vorab gegen Bezahlung gebucht hatte, konnte ab 18 Uhr noch in der Nationalparkhalle in Wyk an einer Nach-Marathon-Feier für Teilnehmer und Gäste teilnehmen, und so bei einem reichhaltigen warmen Buffet Nachlese halten. Cheforganisatorin Sabine Siefert, die selbst 1.500 Vorbereitungsstunden investiert hat, und ihre rund 160 freiwilligen Helfer haben hier ohne viele Sponsoren eine gelungene Veranstaltung auf die Beine gestellt, die sogar ein Rahmenprogramm für Begleitpersonen und Kinder bot. Im nächsten Jahr ist eine Neuauflage für den 24. März geplant.

www.foehr-marathon.de

Comments

Comment from Kay Seiferth
Time 11. April 2012 at 22:08

Was für ein Kampf, und Hut ab für dein Durchhalten. Glückwunsch zum Finishen und ich wäre sicherlich nach der Hälfte ins Ziel gelaufen. RESPEKT!

Sehr schöner Bericht.

LG Kay

Comment from Manuel I
Time 12. April 2012 at 13:28

Hallo Verena!

Mal wieder ein packender Bericht – Danke dafür ! – und eine tolle Leistung von Dir. Ich bin ja selbst gern an der See und der bericht macht Lust, auch mal einen solchen Insellauf zu bestreiten. Der Helgoland-Marathon steht da noch relativ weit oben auf meiner Prioritätenliste.

LG Manuel

Comment from Micha
Time 12. April 2012 at 20:51

Hey Verena,

man ist ja schon Einiges von Dir gewohnt (gefühlt alle 2 Wochen ein Marathon, Marathon im Stollen usw.) und Du scheinst immer noch einen draufsetzen zu können. Absolute Hochachtung für diesen Biss bei dieser Witterung und dann noch diese Zeit -HAMMER-.
Und wie immer ein toller Bericht.

Sturmzerzaust oder -Verena neu Verföhnt-?

Gruß Micha

Comment from Guido
Time 12. April 2012 at 23:24

Hallo Verena,

Glückwunsch zu diesem nicht einfachen Coup. Netter Bericht, aber sehr gewöhnungsbedürftige „Begleitmusik“ auf der Strecke. Alles Gute weiterhin.

LG Guido

Comment from Harald
Time 15. April 2012 at 17:38

Moin, moin Verena!

Na, das war mal ein Event! Wie immer ein toller Bericht von einer „StrongWoman“-Veranstaltung. Herzlichen Glückwunsch! Ich war ja gerade auf der Nachbarinsel Amrum und hatte beim Training auch ordentlichen Wind, aber wenig Regen. Da gibt es jedes Jahr auch einen Lauf um die Insel. Vielleicht läufst Du da ja auch mal mit.
Wo ist der nächste Start geplant?

Viele Grüße und gute Erholung!
Harald

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