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Lauf des Lebens: Umrundung des Lake Bosumtwi an einem Tag

201104210001.jpgMan wächst ja bekanntlich mit den Aufgaben! Somit scheine ich bisher noch nicht allzu sehr herausgefordert worden zu sein; aber jeder hat sein Päckle zu tragen. Um dann vielleicht doch noch ein Stückchen in den Himmel zu wachsen, wählte ich die Herausforderung Umrundung des Lake Bosumtwi an einem Tag! Ganz nach der Devise: Jeder kann was – und wenn es nur eine quälend lange Umrundung bei afrikanischer Hitze ist! Der ursprüngliche Plan sah jedoch zuerst anders aus: Die Tour wollte ich eigentlich in 2 Tagesetappen absolvieren und bei der Hälfte nach irgendeinem Unterschlupf suchen. Magenkrämpfe ließen aber am geplanten Starttag das Unternehmen platzen und somit war ich quasi am Basis-Lager der Rainbow-Lodge zum Genesen am See gezwungen.

Da ich im Vorfeld hörte, dass eine See-Umrundung an einem Tag zwar nicht unmöglich, aber mit großer Opferbereitschaft verbunden sei, wollte ich dem inneren Schweinehund mal zeigen, wo seine Grenzen liegen. Der Wecker sollte mich um 4.30 Uhr morgens aus meinem Zeltschlaf reißen. Für 5.00 Uhr hatte ich den Start geplant. Weiterhin rechnete ich mit einer 10-stündigen Wanderung durch die Kraterlandschaft umm den See. Von 5.00 Uhr bis 10.00 Uhr ist es noch von der Hitze her auszuhalten und so wollte ich bereits die Hälfte der Strecke hinter mir gelassen haben, bevor die Gluthitze über mich hereinbricht. Für jede Stunde rechnete ich mit einem Liter Wasser.

201104210002.jpgDa ich scheinbar 30 kleinere Lehmhütten-Ortschaften zu passieren hatte, erhoffte ich mir, überall meine Wasserreserven wieder auffüllen zu können. Als Verpflegung sollte Weißbrot und ein paar Cracker für den Anfang genügen, den Rest wollte ich in den kleinen Dörfern kaufen – und wenn gar nichts mehr helfen sollte: Ich hatte ja das Messer von meinen Arbeitskollegen dabei und wilde Tiere gibts hier auch, so dass das Gesetz von Fressen und gefressen werden evtl. zum Tragen kommen sollte. Heiß war ich jedoch darauf nicht wirklich!

Aber auch dieser zweite geplante Starttag war nicht zu halten, DENN: wiederum Magenkrämpfe, bei denen ich dachte, mein letztes Stündlein habe geschlagen, rissen mich aus dem Schlaf! Und dann fing es noch zuerst langsam an meine Zeltwand zu tröpfeln, dann stärker und dann ging ein Wolkenbruch durch den Regenwald, dass ich wirklich dachte, der Schöpfer klopft nun an und will mich holen. Wobei, es wäre wohl eher der Belzebub gewesen. Geistesgegenwärtig alle wichtigen Dinge aus dem Zelt unter ein marodes Vordach mit Tischtennisplatte transportiert, so lag ich dann da auf dem Betonboden und krümmte mich wie ein kleiner Wurm.

Irgendwann ging auch diese Nacht mal zu Ende und es war klar, dass der nächste Tag nur aus Erholung bestehen konnte. Anlauf Nummer drei war dann so spontan und ungeplant wie auch der Regen kam. Morgens nach dem Frühstück und schon ausgecheckt, sagte ich der Empfangsdame der Rainbow-Lodge, ich würde vor der Abreise noch eine kleine Joggingrunde drehen. Aus der kleinen Joggingrunde wurde der längste Lauf meines Lebens! Schon nach kurzer Zeit hatte ich scheinbar solch einen Spaß, dass die Magenkrämpfe Vergangenheit waren und ich endlich nach 4 Tagen wieder Sport treiben konnte. Ich entschied mich bereits nach ca. 2 km dazu, den KOMPLETTEN SEE ZU UMRUNDEN! Einfach mal so! Kann man ja mal machen! Man hat ja sonst keine Probleme! Ohne Wasser, ohne Führer, nur ein paar Cedis in der Tasche.

201104210004.jpgDie dümmste und zugleich beste Idee, die ich je haben konnte! Die erste Stunde lief ich noch wie beflügelt von der Idee, das Ding durchzuziehen. Ich passierte drei bis vier kleine Dörfer, meist aus Lehmhütten mit noch nicht mal 50 Einwohnern. Die Blicke der Einheimischen kannte ich ja bereits von den vergangenen 11 Laufwochen. Aber hier, im Regenwaldgebiet, der absoluten Abgeschiedenheit, hier war ich mir sicher, dass sie noch keinen Obroni laufen gesehen hatten. Gejohle und Geschreie verfolgten mich noch als ich schon lange aus den Dörfern heraus gelaufen war.

Nach einer guten Stunde traf ich auf Emanuel. Er lief hinter mir her um mich vor einem falschen Weg zu bewahren. Er lief kurz mit mir und wir unterhielten uns. Zwei Fragen hätte ich ihn besser nicht gestellt: 1. Wie lange wird es wohl dauern den See laufend an einem Tag zu umrunden? Und 2.: Gibt es hier Schlangen? Beide Antworten waren nicht so ausgefallen, wie ich es mir erhoffte. Antwort 1: Viele Stunden, vielleicht einen halben Tag oder mehr, aber eigentlich ist es wahnsinnig! Antwort 2: Ja, aber nur im dichteren Regenwald! Nach ca. 1,5 Stunden wurde der bis dahin gar nicht mal so schlechte Weg irgendwie anders – ich würde sagen UNBEGEHBAR! Hatte ich mich verlaufen? Konnte eigentlich nicht sein. Es gab keine Gabelung. Also weiter, wird schon schief gehen. Als ich mich irgendwann nach 2 Stunden in den Bergen um den Regenwald zwischen dichten Farn, Ästen und Sträuchern wiederfand und mich nach dem See umschaute, da merkte ich: Hier hast du jetzt ein Problem.

201104210003.jpgDer See war am Horizont zwar zu erkennen, aber den Bergrücken, den ich gerade wie besessen durchkemmte, der lag ewig weit weg! Jetzt erinnerte ich mich an Frage zwei, die Emanuel mit JA beantwortete. Und ich dachte für mich, wenn ich mal eine Schlange finden möchte, dann würde ich genau hier suchen. Nun wurde es warm – und das nicht nur, weil wir so langsam 12 Uhr hatten, sondern auch weil ich merkte, dass ich das ganze hier unterschätzt hatte: Ohne einen Führer, ohne Essen und Trinken hier her zu laufen war schlichtweg DUMM!

Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich entweder eine Machete mitgenommen oder es ganz bleiben lassen. Aber nun war es eigentlich auch zu spät zum Umkehren. Ich war schon zu dicht drin in der Flora und Fauna, die Hoffnung bald wieder auf einen normalen Trampelpfad zu kommen hielt mich dazu an weiter zu laufen bzw. zu gehen. Hinter jedem Farn, hinter jedem Felsen oder Baum musste es doch soweit sein, dass ich wieder halbwegs normales Geläuf vorfinden würde. Mit der Zeit drang ich immer tiefer ins unwegsame Gelände vor und die Lust auf Abenteuer verringerte sich mit jedem Schritt.

Ab jetzt war es nicht mehr eine Frage, wie lange ich noch benötige um den See zu umrunden, sondern eher, ob ich in ganzen Stücken überhaupt mal wieder zurück komme. Der Gedanke, dass ich einmal Berühmtheit als der
Ötzi des Tropenwaldes erlangen würde, war nur ein schwacher Trost. Und dann dachte ich zu träumen: Das ist doch eine alte Frau mit einer Machete vor dieser Bananenstaude! Oder waren es schon Halluzinationen aufgrund des Wasserverlustes? Neeeein, Sie war echt!! Ich freue mich ja immer eine attraktive Frau zu sehen, aber diese alte Dame war in diesem Moment das Beste was ich mir vorstellen konnte! Denn das hieße, hier gibt es Zivilisation, Leben und vielleicht bald schon ein Bergdorf. Als ich sie fragte, wie weit es noch bis zu einem Dorf sei und wie ich wieder zum See gelange, zuckte sie mit den Schultern. Sie verstand lediglich Twi! Mist, aber ich war wieder guter Dinge und wir verabschiedeten uns und für mich war sie in dem Moment ein Segen!

201104210005.jpgUnd dann tatsächlich die Erlösung: Ich erreichte ein Bergdorf und somit Wasser, einige Kekse und die Gewissheit, dass ich jetzt auch die gesamte Strecke schaffen werde! Von nun an wurde es eine Schlacht mit der Hitze und jeder Meter wurde zur Qual. Aber insgeheim war es nicht mehr schlimm, denn der Muskelkater und die Blutblasen werden vergehen, aber die Erinnerung an den längsten Lauf meines Lebens wird bleiben! So schlich ich dann weitere drei Stunden durch die brennende Hitze, die sicherlich 50 Grad in der Sonne vermelden konnte. Schatten? Den gab es nicht! Weit und breit keinen Schatten! Irgendwann nach 5 Stunden und 35 Minuten war es dann vorbei!

Komplett zerstört, aber glücklich, stolperte ich zurück in meine Lodge, baute mein Zelt ab und ging mit 20 Kilo-Gepäck auf dem Rücken weitere 3 Kilometer zu einer Busstation um meine Weiterreise anzutreten. Ich sag einfach mal so: Es war ein unvergessliches Erlebnis…

Comments

Comment from Easy
Time 22. April 2011 at 18:02

Klasse fesselnder Bericht und ein irre Erlebnis, so wie Du es schilderst! Hoffe Du schreibst ein Buch über Deine Zeit da unten :) Easy

Comment from Manfred
Time 23. April 2011 at 18:13

Hallo Daniel,ich habe bisher alle Deine Erlebnisse die Du auf deiner Seite geschrieben hast gelesen, immer spannend und Super geschrieben ,ich glaube ein Buch würde sich lohnen. Wann bist Du wieder in Köln?
Weiterhin alles Gute ich freue mich Dich bald wiederzusehen.
Vlg. aus Köln Manfred

Comment from Frank C
Time 23. April 2011 at 20:28

genau Daniel, mal wieder ein Kölsch trinken gehen. Super Bericht. Wir geben dann mal in Kerpen Gas.

Frank C

Comment from Daniel Graef
Time 23. April 2011 at 23:00

Hey hey… ein Buch über die Leiden des Daniel G. – das würde euch gefallen, das glaub ich euch :-)
Ja, ist schon teils ziemlich aufregend, aber genau deshalb bin ich ja hier und nicht auf Malle :-)
Freue mich euch alle bald wiederzusehen – auch wenn ich zugeben muss, schon jetzt sentimental zu werden, wenn ich an meine Abreise nach Europa denke.
Also auf baldiges gemeinsames Leiden und Schwitzen! Viel Spass an alle bei angenehmen deutschen Lauftemperaturen!
Euer Kwadwo-Daniel!!!

Comment from Harald G
Time 23. April 2011 at 23:17

Hallo Daniel,

da habe ich ja keine Lust mehr hier zu laufen, lese lieber Deine Berichte oder bin noch lieber live dabei als Laufmonster und Geograph in Afrika.
Hier muss man sich allerdings weniger vor Schlangen, viel mehr vor sog. Laufmonstern hüten, die nämlich wohl zum laufenden Kampf angesagt haben. Bin mal gespannt, was Du noch so erlebst und welcher Form Du mitbringst:)

Vill Spass weiterhin!
Harald

Comment from Manuel I
Time 26. April 2011 at 14:42

Einfach nur: BEEINDRUCKEND !

LG und bis bald,
Manuel

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