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Vor einem Jahr: Dramatik auf der Zugspitze

zs.jpgEs ist schon wieder ein Jahr her, dass der nicht umsonst so benannte Zugspitz Extremberglauf aufgrund plötzlicher Wetterkapriolen dramatische Züge annahm, die für einige Teilnehmer wegen der während des Rennens extrem umschlagenden Witterung tödlich enden sollten. Manfred Claaßen als allgemein anerkannter Laufexperte und Mann mit viel Erfahrung war damals selbst mit dabei und erlebte den Wettersturz hautnah mit. Nachstehend sein Bericht, der einen direkt in das Geschehen hineinversetzt und den Ablauf nochmals chronologisch nachvollziehen lässt:

Freitag, 11. Juli 2008

Ab Dünnwald 5.00 Uhr mit Herbert zum Hauptbahnhof Köln per Taxi. Die erste Überraschung: unser ICE um 5.54 Uhr fällt aus. Ohne weitere Informationen gingen wir zum Trouble Desk in der Vorhalle. Die Mitarbeiter dort waren überfordert oder schlecht informiert. Eine Dame gab uns eine Abfahrt um 12.15 Uhr (!) an. Das allerdings konnte doch wohl nicht möglich sein, sagten wir uns. Ich stellte mich ein zweites Mal in der Schlange an (inzwischen kam die Ablösung), und der Mitarbeiter gab mir eine Verbindung für 7.50 Uhr bis Mannheim bzw. Stuttgart. Von dort in München angekommen hatten wir schon zwei Stunden Verspätung. Die Strecke nach Ehrwald war wegen Gleisarbeiten unterbrochen. Also hieß es Warten auf den Ersatzbus. Der war allerdings gerade abgefahren, wieder eine Stunde Wartezeit. Wir erkundigten uns am Taxistand, was eine Fahrt nach Ehrwald kosten sollte: 40 EUR für 25 km. Wir nahmen das Taxi und kamen in Ehrwald gegen 17.00 Uhr bei herrlichen Sonnenschein und Temperaturen so um die 29-30° Grad an. Unsere Unterkunft Wilhelmshof, sprich bei der Familie Wilhelm, stellte sich als ein sehr gepflegtes Haus heraus. Zur Begrüßung gab es einen Mirabellen-Schnaps. Zimmer völlig in Ordnung. Gegen 18.00 Uhr gingen wir eine Pizza essen.

Samstag, 12. Juli 2008

7.30 Uhr: reichhaltiges Frühstück. Herbert und ich unternahmen eine 4 1/2 Stunden-Wanderung, und es fing leicht an zu regnen. Gegen 18.00 Uhr Essen in einem der vielen Restaurants, der Regen wurde heftiger. Abholung der Startunterlagen gegen 19.00 Uhr in der Musikhalle.

Sonntag, 13. Juli 2008

7.00 Uhr Frühstück, es regnet immer noch. Gegen 8.30 Uhr gingen wir zum Start, da die Kleiderbeutel bis 8.45 Uhr abgegeben werden sollten. 9.00 Uhr Start bei starkem Regen auf 1.020 Höhenmetern und 15°. Wir waren also schon nass, bevor der Lauf anfing. Bekleidung: Mütze, 2 T-Shirts, Regenjacke, kurze Hose, CEP Strümpfe, Buff-Tuch, DS-Trainer und… Handschuhe, die uns die Wirtin Gott sei Dank noch mitgegeben hatte.

Angesagt auf der Zugspitze waren 4° und leichter Wind. Die ersten 5 km wurden auf der Fahrstraße (geteerte Trasse) gelaufen. Nach 5 km dann Schotterwege: wir passierten die Ehrwalder Alm auf 1.502 Höhenmeter, Hochfelder Alm (1.732 Meter), das Brandjoch (2.110 Meter) und die Knorrhütte; die schwierigen Bodenverhältnisse machten uns zu schaffen. Aufgeweichter Boden, sehr glatte und unebene Wege. Noch an der Knorrhütte sagten uns die Helfer am Verpflegungsstand, wir könnten bis oben hin ohne Probleme durchlaufen.

Kurz nach der Knorrhütte schlug das Wetter allerdings plötzlich um, starker Wind kam auf, Hagel und Schnee, und nach kurzer Zeit war die Strecke glatt und weiß. Man konnte kaum noch etwas sehen. Mir wurde immer kälter, es folgte ein richtiger Tunnelblicklauf, also ganz schnell, so wenn man noch konnte, zur Sonnalpin, wo ich das Ziel nach 3:07:24 Stunden erreichte. Den letzten km zur Zugspitze hatte man zwischenzeitlich doch gesperrt, weil zu gefährlich. Durchgefroren und zitternd gingen wir in die Station, mussten tatsächlich unser Ticket für 5,50 EUR zusätzlich erwerben, da sonst keine Beförderung zur Zugspitze, was in unserem Zustand allerdings eine Zumutung darstellte. Im Sonnalpin-Restaurant, wo man uns im Empfang nahm, versorgte man uns mit Folie, Decke, warmem Wasser für die Füße, heißem Tee und Weißbrot. Ich konnte mich selbst nicht mehr ausziehen, da der ganze Körper zitterte und ich keinerlei Kontrolle mehr über mich hatte.

Ich habe noch nie soviel geschwächte Läufer gesehen wie hier, es sah aus wie ein riesiges Lazarett. Die Helfer vom Rettungsdienst, denen man ein großes Lob aussprechen muß, taten Ihr Bestes. Ich hatte vielleicht eine Körpertemperatur von 33 oder 34 Grad. Nach ca. 30 min. fühlte ich mich wieder soweit fit, dass ich meine Folie und Decke einem anderen Läufer überließ (was im Nachhinein ein großer Fehler war). Ich zog meine nassen Sachen wieder an und wollte mit der Gondel zur Zugspitze fahren, das Ticket hatten wir ja. An der Station sagte man uns, die Kleiderbeutel kämen runter, auch nach mehrmaliger Nachfrage immer die gleiche Antwort. Nach ca. 90 Minuten wurde dann lapidar mitgeteilt: sie kommen doch nicht. Wir also in die sehr kalte Gondel und in nassen (!) Klamotten zur Zugspitze. Es war wahrlich ein starkes Stück, uns solange frieren zu lassen.

Auf der Zugspitze im Restaurant wurde uns schließlich der Chip abgenommen, die sehr schöne Medaille und das Ticket für die Talfahrt ausgehändigt. Nach langem Suchen fand ich endlich meine trockenen Sachen auf der 3. Etage. Schnell aus den nassen Sachen und in die warmen rein, eine wahre Wonne. Abfahrt mit der Gondel zur Talstation, mit dem Bus nach Ehrwald, zur Pension und 15 min. heiß Duschen: danach fühlte ich mich endlich wieder richtig wohl. 16.30 Uhr sollte die Siegerehrung stattfinden: was wir dort aber am Brett lasen, verschlug uns die Sprache: es gab Tote auf der Strecke! Eine Siegerehrung fand aus diesem Grund nicht statt, was ich natürlich nachvollziehen konnte, es ging uns immerhin allen sehr nahe. Gegen 18.30 Uhr gingen wir zum Essen, eine gute Stimmung konnte und wollte trotz unserer guten Leistungen jedoch nicht aufkommen. Es hatte übrigens immer noch nicht aufgehört zu regnen. Und es kamen immer neue Horrormeldungen von der Zugspitze.

In den Tagen danach wurde uns dann vor allem nach Lektüre der Zeitungen das ganze Ausmaß der Katastrophe bewusst.

Fazit: Den Lauf würde ich wieder, aber nur bei gutem Wetter, bestreiten, er muss eigentlich wunderschön sein. Aber ich bin auf jeden Fall um eine Erfahrung reicher geworden, was Berglaufen betrifft. Das Positive nimmt man natürlich gerne mit, dass Negative sollte man nicht ganz vergessen.

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2 Kommentare zu „Vor einem Jahr: Dramatik auf der Zugspitze“

  1. Hi Manfred, erstmal herzlichen Willkommen! Muss mich gerade mal updaten, im Urlaub kommt man nicht so zum lesen der Neuigkeiten….

    Vielen Dank fr Deinen Bericht und Deine Sichtweise zum Zugspitzenlauf vom vergangenen Jahr, man hat ja darber einiges gelesen und gehrt. Grossen Respekt vor Deiner Leistung, unter den Umstnden so eine Wahnsinns-Zeit zu machen und das Ding zu Ende zu bringen, wow!

    LG Easy

  2. Hallo Manfred,

    das waren bestimmt komische Gefhle bei der jetzigen Wanderung auf die Zugspitze (habe das Gstebuch gelesen!).

    Passend zu Deinem dramatischen Bericht habe ich heute im Klner Stadt-Anzeiger gelesen, dass der Veranstalter zu 13500 Euro Geldstrafe wegen fahrlssiger Ttung in zwei und fahrlssiger Krperverletzung in neun Fllen verurteilt worden ist.
    Ohne Kommentar!

    Haben die Teilnehmer eigentlich wenigstens das Gondelgeld zurckbekommen oder irgendetwas als „Wiedergutmachung“ fr das Gondel- und Kleidungschaos?

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