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Strukturelle Defizite in der Dopingprävention

Studie deckt wahres Ausmaß von Doping im Spitzensport auf – Sportmediziner Prof. Dr. Dr. Perikles Simon stellt Kontrollsystem und auch Fördersysteme im Spitzensport in Frage

Doping im Spitzensport ist erstaunlich verbreitet und bleibt trotz ausgeklügelter Testmethoden meistens unentdeckt. Ein internationales Wissenschaftlerteam, an dem auch Prof. Dr. Dr. Perikles Simon von der Abteilung Sportmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) beteiligt ist, hat dazu konkrete Zahlen ermittelt, die bereits 2011 erhoben und nun in der Fachzeitschrift Sports Medicine veröffentlicht wurden. Mit dem indirekten, hochanonymen Befragungsverfahren kann man eine Dunkelziffer mit einer technisch bedingten Variabilität recht zuverlässig abschätzen. Demzufolge gaben konservativ, also eher nach unten korrigiert, 30 bis 45 Prozent der Spitzensportler, die bei zwei Sportevents befragt wurden, zu, im Jahr zuvor verbotene Dopingtechniken genutzt zu haben. „Die Ergebnisse belegen jetzt auch im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie erstmals Doping im Hochleistungssport in einer Verbreitung, die als dramatisch zu bezeichnen ist“, kommentiert Simon die Studie, die gemeinsam mit der Eberhard Karls Universität Tübingen und dem McLean Hospital, USA, durchgeführt wurde. Simon weiter: „Nimmt man diese Ergebnisse ernst, so muss man nicht nur das Dopingkontrollsystem komplett auf den Prüfstand stellen, sondern man müsste auch die Fördersysteme des Spitzensports kritisch hinterfragen.“

Doping im Sport unterläuft faire Wettbewerbsbedingungen und stellt eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit der Sportler dar. Um Doping im Spitzensport zu verhindern, beaufsichtigt die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) jährlich die Tests von mehreren hunderttausend Blut- und Urinproben, von denen ein bis zwei Prozent positiv ausfallen. Dagegen deuten Messungen mit dem „biologischen Blutpasssystem“ auf einen höheren Anteil von etwa 14 Prozent positiver Proben hin. „Viele hochmoderne Dopingpraktiken bleiben aber nach wie vor unentdeckt, weshalb der wirkliche Anteil wesentlich höher liegt“, so Simon.

Bei solch erschreckend hohen Dopingquoten ergeben sich aus der Studie allerdings weitere weitreichende Fragen. „Hat man dieses Ausmaß an Doping nicht erkannt oder nicht erkennen wollen?“, fragt der Mainzer Sportmediziner Simon. Er stellt damit zur Diskussion, ob betroffene Sportler mit jedem Dopingskandal zu Recht einmal mehr härter bestraft und mit mehr „Kontrollen“ und stärkeren Einschränkungen ihrer Persönlichkeitsrechte drangsaliert wurden – oder ob dies ein jahrzehntelang bewährter Abwehrimpuls eines Sportsystems sei, dessen Ausmaß an Korruption und Bestechlichkeit und dessen Fäden in Politik und Wirtschaft jetzt offengelegt werden müssten.

Doch anstelle von Aufklärung und Kooperation scheinen die verantwortlichen Stellen auch nach der Veröffentlichung der Studienergebnisse weiterhin auf Abwehr zu setzen. Simon bemerkt in diesem Zusammenhang, dass der Vorstand der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) – ganz entgegen dessen Behauptungen – ihm noch kein Angebot zur Zusammenarbeit vorgelegt hat. Mit Verwunderung registriert Simon außerdem eine Stellungnahme des Leiters der französischen Anti-Dopingagentur in den Medien, wonach Doping seit der Studie im Jahr 2011 sehr zurückgegangen sei und über 100 Athleten dank dem biologischen Passportprogramm entdeckt wurden. „Es gibt für diese Aussage keine valide Datenlage. In den Jahren zwischen 2012 und 2015, für die zuverlässige Daten bereits veröffentlicht sind, wurde nur eine Handvoll Athleten überhaupt überführt“, so der Mainzer Dopingforscher.

Dopingkontrolle und Dopingprävention auch in Deutschland verbesserungsfähig

Nach der Veröffentlichung der extrem hohen Dopingquoten im Bereich des Spitzensports auf Weltklasseniveau sieht der Leiter der Abteilung für Sportmedizin einmal mehr eine Hauptursache in den strukturellen Schwächen in Verbindung mit der Förderung des Spitzensports. „Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat offensichtlich direkt im Nachgang der Erfahrung mit unseren Dopingquoten bereits 2012 eine interne Kommission damit beauftragt, die Gründe für die Ineffektivität des weltweiten Anti-Dopingkampfes zu benennen. Herausgekommen ist ein denkwürdiger Bericht, in dem die oberste Testinstanz den weltweiten Testagenturen und dem Kontrollsystem an sich ein mangelndes Interesse unterstellt, überhaupt Doper zu finden und Doping zu verhindern.“

Auf diesen Bericht hin hätte aus Sicht von Simon der Impuls nahegelegen, das Anti-Dopingsystem viel stärker in seiner Grundstruktur zu reformieren. Denn ein von Prinzipien der Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit geprägtes Kontrollsystem erscheint mitunter geeigneter, um die klar benannten menschlichen und politischen Faktoren besser in den Griff zu bekommen. „Schaut man über Russland und Jamaika hinaus auch auf die deutschen Strukturen im Anti-Dopingkampf, so wird schnell klar, dass es auch bei uns noch Verbesserungsmöglichkeiten hinsichtlich der Unabhängigkeit der Dopingkontrollinstanz aber auch der Dopingpräventionsarbeit geben könnte“, so Simon. Er rät insbesondere dazu, die Kapazitäten beim Bundesministerium des Innern (BMI), das für die Förderung des Spitzensports zuständig ist, kritischer zu hinterfragen. Es flössen, laut Simon, immerhin erhebliche Steuermittel in eine medaillenzentrierte Sportförderung. Dass das BMI darüber hinaus auch noch gleichzeitig für die NADA und somit die Dopingbekämpfung und die Dopingprävention zuständig ist, erscheine da unglücklich. Das Dopingkontrollsystem und die Dopingprävention gehörten zudem nicht in dieselbe Hand und sollten überdies streng unabhängig von den Institutionen des Spitzensports von ihrer Grundstruktur her aufgestellt sein.

Veröffentlichung:
Rolf Ulrich et al.
Doping in Two Elite Athletics Competitions Assessed by Randomized-Response Surveys
Sports Medicine, 28. August 2017
DOI: 10.1007/s40279-017-0765-4
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Weitere Informationen:
Prof. Dr. Dr. Perikles Simon
Abteilung Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation
Institut für Sportwissenschaft
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-23586
Fax +49 6131 39-23598
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Pressemitteilung des idw/Foto: Stefan S. Sämmer


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